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Bilanz nach 200 Tagen on the road oder „warum macht ihr das eigentlich?“


Es ist Zeit für einen Blick in den Rückspiegel. Wladiwostock rückt näher. In wenigen Tagen werden wir die russische Hafenstadt am Japanischen Meer erreichen und seit genau 200 Tagen unterwegs sein. Was bleibt? Viele Erinnerungen – und die Sinnfrage. Warum machen wir das eigentlich?








Fidel läuft rund. Es ist kaum zu glauben, wie zuverlässig er sich auf 4655m auf das Pamir Plateau in Tadschikistan gearbeitet hat. Ein bisschen schwarzer Rauch, ein bisschen weisser Rauch. Wie im Vatikan. Und dann waren wir oben: auf dem Dach der Welt mit einem königsblauen Himmel und klarer, dünner Luft. Ein erstes grosses Highlight für uns.


Das Atmen fällt längst nicht mehr schwer. Die Höhenkrankheit haben wir mit unserem Afghanistan-Abenteuer ein paar Wochen vorher bereits überwunden. Fast zwei Wochen haben wir uns bei den Afghani im Wakhan Corridor über 7000 Höhenmeter rauf und runter durch Hindukusch und Pamir gekämpft; ausgerüstet mit Zelt und Schlafsack und begleitet von einem entzündeten Knie. Wir wollten Grenzen erfahren. Voilà. Seither ist alles irgendwie Pipifatz.



Selbst die vier Tage auf dem Pferderücken in Kirgistan waren eine Freude. Wir traben und galoppieren von Jurte zu Jurte und spülen das tote Schaf mit einem grossen Schluck fermentierter Stutenmilch runter. So geht das hier. Wir baden am berühmten Songköl auf 3000müM, essen die beste Pizza diesseits des Urals und geniessen einen feucht-fröhlichen Bier-Abend in Novosibirsk, kurz NSK.



Auch die Mongolei hält, was sie verspricht: es ist das Offroad-Paradies schlechthin. Hier führen schnell mal 20 verschiedene Tracks in dieselbe Richtung. Orientierung ist alles. Dank "artgerechter Haltung" ist Fidel im Element. Es geht steil bergauf, querfeldein oder auch mal abhängig einer Flanke entlang. Der Puls steigt, der Spritverbrauch ebenfalls. Richtig warm werden wir mit der Mentalität der Mongolen allerdings nicht, dafür umso mehr mit den Russen. Im Altai-Gebirge lernen wir von einem Ex-Sowjet-Soldaten wie Kreativität wirklich geht: Ein selbst gebautes Auto, eine zusammengezimmerte Banja (russische Sauna), ein Sägewerk aus alten Töff-Motoren und Autoreifen. Nichts ist hier unmöglich.



Wir sind längst in unserem „richtigen“ Reisetempo angekommen, längst sitzt jeder Handgriff im Alltag und die Route ist definiert. Das Wetter spielt mit, der grosse Wintereinbruch bleibt aus. Wir geniessen die Natur, die zahlreichen Begegnungen und vor allem die Gelassenheit, mit der wir selbst die sechs platten Reifen in der Mongolei eigenhändig bewerkstelligen. Übung macht den Meister.



Und doch, die vielen kleineren und grösseren Abenteuer gehen nicht spurlos an uns vorbei. Jeder Eindruck brennt sich ein und die Speicherkarte im Kopf füllt sich. Unaufhaltsam. Wann ist genug genug? Wann beginnt die Reisemüdigkeit? Und was bleibt am Ende dieser Etappe?


Auch wenn es speziell klingt: Man braucht Ferien vom Reisen. Zeit, um das Erlebte zu verarbeiten, die Speicherkarte zu formatieren. Wir haben uns diese Zeit unterwegs nicht genommen. Bewusst, da wir wussten, dass wir nach unserer Ankunft in Wladiwostok eine „grosse Pause“ einlegen würden. Rückblickend ein Fehler? Vielleicht. Vielleicht hätten wir in der einen oder anderen Stadt ein Airbnb buchen sollen. Vielleicht hätten wir an einem schönen Stellplatz auch ein paar Nächte länger verweilen können.


Jetzt, auf dem letzten Teilstück dieser Etappe, hängen unsere Gedanken in den Bäumen. Birkenwälder ziehen blätterlos an uns vorbei und säumen diese letzten 3000 Kilometer. Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter. Da bleibt genug Zeit für einen ersten Rückblick.




Warum eigentlich?

Wir sind nicht die ersten Reisenden auf dieser Strecke, haben keine Rekorde aufgestellt und keine bahnbrechende Entdeckungen gemacht. Diese Reise hatte kein karitatives Ziel, keinen gewichtigen Grund, keinen höheren Zweck. Wir sind ohne Sponsorengelder oder Influencer-Prämien unterwegs, wir waren nicht besonders mutig und müssen nicht Inspirationsquelle für andere sein.

Wir sind einfach nur von Bern nach Wladiwostok gefahren. Darum. Weil es uns Spass gemacht hat und weil wir das wunderbare Privileg haben, für unbestimmte Zeit und in bester Begleitung einfach drauflos fahren zu können. Rund 35'000 Kilometer werden wir bis Wladiwostok zurückgelegt haben. Wir sind vorwärts gekommen, als Paar und als Mensch.



Längst hält der Herbst Einzug, mit all seinen Farben und den ersten sibirischen Schneeflocken. Die Standheizung läuft, draussen bläst ein stürmischer, eisiger Wind. Und uns wird klar: die Verarbeitung dieser Reise bekommt während unserer „grossen Pause“ in Südostasien und Ozeanien einen ganz besonderen Stellenwert. Erste Ideen werden ausgetauscht, rege Diskussionen folgen, die Vorfreude steigt.


Was also bleibt am Ende dieser ersten Etappe? Dankbarkeit, Demut und Abenteuerlust. Und die Gewissheit: Genug ist (vorläufig) nicht genug.

Schon bald heisst es: Do svidaniya, Eurasia - ¡Nos vemos en Sudamérica!