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Angekommen - in Russlands Fernem Osten

Aktualisiert: März 14


Der Container steht bereit und Fidel wird nach 32485 Kilometern und 4385 verbrauchten Liter Diesel eingeladen. Er hat mit uns auf dieser Etappe 18 Länder bereist und 24 Grenzen überquert. Er ist bereit für die grosse Reise über den Teich - Südamerika wartet.


Die letzten 3000 Kilometer waren anstrengend. Kalt, feucht, langweilig. Es heisst, die Strecke vom Baikalsee runter bis Wladiwostok sei einer der ödesten Strecken überhaupt. Tagelang fährt man auf einer gut ausgebauten Strasse durch endlose Birkenwälder und Steppe. Von Ulan Ude fährt man zunächst Richtung Nordosten. Die Blätter der Birken fallen zügig, die Temperaturen ebenfalls. Wir fahren durch erste Schneegestöber und kratzen morgens die gefrorene Scheibe frei – von innen, versteht sich. Die Standheizung gibt alles und der Duschsack auf dem Dach ist längst gefroren, selbst wenn wieder die Sonne scheint. Da wir mit Benzin nur draussen kochen, wird die Küche zum Kühlschrank - und der Speiseplan entsprechend simpel.



Die letzte warme Dusche ist bereits wieder länger her und wir kommen an unsere Grenzen. Duschen mit unserer Wasserziege, sprich Armeesack auf dem Dach, geht nur in warmen Zeiten. Also gönnen wir uns in diesem Teil der Welt zweimal ein Hotelzimmer, um uns im Schaumbad und mit zusätzlichen Decken aufzuwärmen. Tagsüber ziehen kleine verschlafene Dörfer an uns vorbei. Die Holz-Datschas sind meist mit rosa, blauer und türkiser Farbe bemalt. Wie man in diesem Teil von Sibirien, im Fernen Osten, wie die Russen immer wieder betonen, die Winter aushalten kann, ist für uns unvorstellbar. Der Winter ist die beherrschende Jahreszeit und es werden bis -70°C gemessen. Vielleicht helfen ja die zahlreichen Nachtclubs, mit denen sich jedes grössere Dorf schmückt.


Erreicht man die Stadt Chabarowsk, wird alles besser. Bereits nach ein paar Kilometern ändert sich das Bild gewaltig. Die Bäume sind noch prall mit knallroten, grünen und gelben Blätter. Der Herbst ist in voller Pracht und die Temperaturen merklich angenehmer. 

Von hier fährt man nur noch Richtung Süden, runter bis Wladiwostok, wo Nordkorea zum Greifen nah ist. Die Stadt liegt auf einer Halbinsel und eingeklemmt auf einer Landzunge gleich neben China. Japan liegt auf der anderen Seite gerade mal knapp 600 Kilometer oder zwei Fährstunden entfernt. Entsprechend prägen nicht Ladas sondern Toyotas und Hondas das Stadtbild.

Und zwei monumentale Brücken! Sie sind gigantisch, elegant und nur für den Strassenverkehr offen. Die grössere der beiden ist über 3 Kilometer lang und bricht mit einer Pylonhöhe von 320m und einer freien Spannweite von 1104m gleich zwei Weltrekorde. 



Die Hafenstadt empfängt uns im Oktober bei über 20° Grad mit viel Sonnenschein, freundlichen Gesichtern und einem fast schon mediterranen Charme, Jugendstilhäuser mit pastellfarbenen Fassaden inklusive. Dass es hier auch anders sein kann, ist klar. Ein Blick auf die Klimatabelle zeigt: Im Januar liegt die Durchschnittstemperatur bei minus 12,1 Grad. Der Hafen ist monatelang in eisiger Starre. Hier liegen die Schiffe der russischen Marine und Bataillone von Matrosen der Pazifikflotte bewegen sich in Reih und Glied durch die Hafenpromenade.


Wladiwostok galt jeher als das maritime Tor zum Pazifik und war militärischer Vorposten der russischen Expansion im Fernen Osten. Nicht umsonst heisst die Stadt “Wladi-Wostok” oder übersetzt “Beherrsche den Osten”.  Man weisst uns auch darauf hin, dass wir uns hier nicht in Sibirien befinden, sondern eben offiziell im Fernen Osten. Während der Sowjetunion hatte die Stadt als sowjetischer Marinestützpunkt einen Sonderstatus und kam als Konsequenz auf die Liste der “geschlossenen Städte”. Damit war die Stadt für Ausländer komplett gesperrt und auch Sowjetbürger, die nicht hier registriert waren, kamen bis 1991 nur mit einer Sondergenehmigung in den strategisch wichtigsten Ort am Meer.  



Hier im Fernen Osten nehmen Distanzen eine ganz andere Dimension an und Moskau und der Kreml sind weit weg. Würde man von Wladiwostok zu Putin fliegen, fände man sich auf dem längsten Inlandflug der Welt wieder. Doch viele Touristen nehmen nicht das Flugzeug, sondern den Zug. Von Moskau aus ist die Endstation der Transsibirischen Eisenbahn auf Schienen 9288 Kilometer entfernt. Dazwischen liegen ganze sieben Zeitzonen. 


Uns wird bewusst: hier geht unsere erste Etappe also zu Ende. Es heisst: alles ausräumen, putzen, alle Kleider waschen und alles neu packen. Der Container steht bereit und Fidel wird nach 32485 Kilometern und rund 4300 verbrauchten Liter Diesel für die grosse Reise über den Teich verladen. Wehmut kommt auf, aber vor allem Freude. Wir sind angekommen – gesund und unfallfrei. Und wir hatten sehr viel Spass! Die letzten Tage in Wladiwostok geniessen wir ausgiebig. Zwei eindrückliche Brücken und Sowjet-Plattenbauten prägen das Stadtbild, im Hafen liegen Schiffe der russischen Marine und internationale Frachter. Fernweh pur. Wir stossen mit einem letzten Bier an und sagen: Spasibo Rossiya, Do svidaniya!